Freitag, 6. November 2009

Zinspolitik - Das Dilemma der EZB

Die expansive Zinspolitik der europäischen Zentralbanken scheint im Hinblick auf die Kreditvergabe an Unternehmen beinahe wirkungslos zu verpuffen. Lediglich die Aktienmärkte haben bisher profitiert und neue Spekulationsblasen sind am entstehen. Es gilt daher Ursachenforschung zu betreiben und ergebnisoffen neue Instrumente, wie eine Börsenumsatzsteuer oder ordnungspolitische Eingriffe in Erwägung zu ziehen.
Die Europäischen Zentralbank (EZB) hat gestern entschieden an ihrer momentanen Niedrigzinspolitik festzuhalten und hat den Leitzins weiterhin bei einem Prozent zu belassen.
Nach klassischer volkswirtschaftlicher Lehre sollten niedrige Leitzinsen zu billigen Krediten führen und damit zu einer "Ankurbelung der Wirtschaft" führen, da billige Kredite Investionen und Konsum erleichtern.
Dem ist im Moment aber leider im Moment nicht so. Das billige Geld kommt nicht in der Realwirtschaft an. Vielmehr scheint es im Moment so zu sein, dass die Kreditvergabe an Unternehmen zurückgeht. Nach Aussage der EZB ist die Kreditvergabe im Euroraum erstmals seit 1992 zurückgegangen.
"Anzeichen für neuen Abschwung: Zentralbank warnt vor europaweiter Kreditklemme" in Spiegel-Online vom 27.10.2009
Dass dies nur an der geringen Nachfrage läge, wie etwa "Analysten" der Commerzbank laut Spiegel-Online meinen,
"Anzeichen für neuen Abschwung: Zentralbank warnt vor europaweiter Kreditklemme" in Spiegel-Online vom 27.10.2009 
darf mit gutem Gewissen  bezweifelhaft werden. Offenbar besteht ein hoher Bedarf an Liquidität in der Wirtschaft, denn die Zahl der Insolvenzen ist in diesem Jahr dramatisch gestiegen
"Insolvenzstatistik: Zahl der Pleiten steigt um 12 Prozent" in Welt-Online vom 6.11.2009
und auch das Manager-Magazin meldet, dass immer mehr Unternehmen und Verbände von Schwarzgelb fordern, sofort etwas gegen die drohende Kreditklemme zu unternehmen, da ansonsten der Aufschwung in Gefahr sei.
"Gefahr für den Aufschwung: Kreditklemme sofort abwenden" Karsten Stumm in Manager-Magazin-Online vom 30.10.2009
Lediglich die Spekulation auf den Aktienmärkten ist bisher offenbar "angekurbelt" worden. So hat der Dax im Zeitraum von März  bis November 2009 um ca. 50 Prozent zugelegt.
"Die Niedrigzinspolitik der EZB und ihre Folgen" in Focus-Money-Online vom 5.11.2009
Eine Ursache mag sein, dass die niedrigen Zinsen für Spareinlagen, die Anleger nach Alternativen suchen lassen und diese ihr Kapital lieber in Aktien anlegen.
Ein weiterer Grund mögen Inflationängste der Anleger wegen der weltweit expansiven Geldpolitik sein,
"2011 wird die Inflation akut" von Helmut Reich in Manager-Magazin vom 2.11.2009
denn auch Aktien stellen als Unternehmensbeteiligungen in gewisser Weise eine Investion in Sachwerte dar, welche naturgemäß inflationssicherer sind als verzinsliche Geldanlagen.
Ausschlaggebend wird aber die extreme Niedrigzinspolitik der USA sein. Dort sind die Leitzinsen noch niedriger als im Euroraum. Spekulanten borgen sich spottbilliges Geld, um dieses in Europa in Aktien und Anleihen zu investieren
"Die Niedrigzinspolitik der EZB und ihre Folgen" in Focus-Money-Online vom 5.11.2009
Dies führt zu einer Aufwertung des Euros, da mit der Nachfrage nach Kapitalanlagen in  Euro, auch die Nachfrage nach dem Selben steigt. Ein hoher Eurokurs erschwert tendenziell den Export, da ein hoher Eurokurs grundsätzlich die Produkte auf dem Weltmarkt verteuert, so dass schon teilweise befürchtet wird, dass die Exportwirtschaft bald Probleme bekommt.
"Euro-Höhenflug zur Unzeit: Experten sehen Belastung für die wirtschaftliche Erholung im Inland" im Schwäbischen Tagblatt-Online vom 23.10.2009
Auch die Gefahr einer Blasenbildung an den europäischen Aktienmärkten steigt in Folge der Niedrigzinspolitik
"Die Niedrigzinspolitik der EZB und ihre Folgen" in Focus-Money-Online vom 5.11.2009
Aber dennoch wird in absehbarer Zeit nicht mit einem Ende der Niedrigzinspolitik zu rechnen sein, wie bereits vereinzelt spekuliert wird.
"Notenbanken deuten langsamen Ausstieg aus lockerer Geldpolitik an" in Welt-Online vom 6.11.2009
Denn das Dilemma der EZB ist, dass mit jeder Zinserhöhung, einerseits die Kreditklemme verschärft wird und andererseits die Blasenbildung begünstigt wird, weil die europäischen Geldmärkte dann noch attraktiver für außereuropäisches Billigkapital werden. Von den beschriebenen Folgen eines hohen Eurokurses für die Exportwirtschaft mal ganz abgesehen. 
Andererseits kann die EZB auch keine weiteren Zinsschritte nach unten machen. Eine weitere Verschärfung Inflation wäre die Folge, mit dem Problem, dass dann die Inflation in die Kreditzinsen eingepreist würde und damit die Kreditklemme weiter verschärft würde. Dies ist genau das Dilemma der EZB.
Marktzyniker meint: Die Analyse der Lage ergibt, dass bei hoher Aktienmarktliquidität weiterhin von einer Kreditklemme für kleine und mittelständische Unternehmen auszugehen ist. Als Ursache ist hohe Attraktivität der Aktienmärkte gegenüber dem Markt für Unternehmenskredite eben festgestellt worden. Weitere Zinsschritte nach unten verbieten sich, weil auch durch eine Leitzinssenkung nicht mit einer Verbesserung der Kreditsituation zu rechnen ist. Es fragt sich damit, welche geld- oder ordnungspolitischen Instrumente ergriffen werden könnten.
Eine Möglichkeit wäre, dass der Staat den Unternehmen direkt Geld leiht, also der Staat zum "Banker" wird. Dies widerspräche jedoch dem neoliberalem Dogma, dass sich der Staat aus der Wirtschaft tunlichst heraushalten soll. Aber was spräche eigentlich dagegen? Die eben beschriebenen Umstände führen nachweislich zu einer Fehlalokation der eingesetzten Mittel. Kapital wird für Spekulationen "verbraten", es bilden sich neue "Blasen" und in der Realwirtschaft kommt das Geld nicht an. Insoweit scheint momentan auch der neoliberale Nachtwächterstaat zu wanken. Schon im  Sommer 2009 forderte Steinbrück von den Banken, dass sie ihrer gesamtwirtschaftlichen Verantwortung Folge leisten sollte und "drohte" verklausuliert  mit staatlichen Direktinvestionen.
Klarer drückt sich nun unserer neuer Wirtschaftsminister aus. Im Notfall wolle er direkt mittels der staatlichen KFW-Bank Kredite an mittelständische Unternehmen vergeben und zwar ohne den Umweg über die privaten Banken, wie bisher üblich
Offenbar erkennt nun auch Schwarzgelb, dass die Banken nun langsam mal an die Kandare genommen werden müssen. Auch Marktzyniker nimmt an, dass die Banken momentan sich lieber billiges Geld von der EZB leihen, um es dann an den Staat zu verleihen, der dieses Geld braucht, um die momentane Niedrigzinspolitik zu finanzieren, wie es auch Stefan Frank annimmt.
Auch wenn, die derzeitige Kreditklemme zu einem großen Teil, den äußerst prozyklischen Regelungen von Basel II geschuldet sein kann, wonach risikoreichere Kredite mit höheren Eigenkapitalquoten unterlegt werden müssen und damit die Kreditvergabe an Unternehmen mit niedrigerer Bonität erschweren
und viele Unternehmen aufgrund einer Verschlechterung ihres "Scores", aufgrund ihrer krisenbedingt schlechten Eigenkapitalsituation, von einer Verteuerung von Krediten ausgehen,
"Industrie fürchtet, dass Banken Aufschwung stoppen" in vdi-Nachrichten-Online vom 6.11.2009 
so wird schwer zu bestreiten sein, dass die Banken schön dumm wären, wenn sie das Geld einem klammen Mittelständler leihen würden. Für den Mittelständler haftet nämlich niemand, außer die Arbeitnehmer mit seinem Job und die Lieferanten mit ihren Forderungen, für Staatsanleihen jedoch der Steuerzahler, denn der hat es ja !
Interessante Ideen kommen aus Brasilien. Um einer spekulativen Aufwertung des Reals entgegenzuwirken, hat das Land eine Börsenumsatzsteuer eingeführt. Diese beträgt 2 Prozent und wird für alle Wertpapiergeschäfte erhoben, welche mit ausländischen Kapital getätigt werden. Dagegen bleiben Direktinvestionen in die Produktion und in den Kauf von Firmen auch weiterhin börsensteuerfrei. Man wolle mit dieser Steuer einer spekulativen Aufwertung des Real entgegentreten, da diese Exporte verteure.
"Kapitalsteuer: Brasilien wehrt sich gegen Aufwertung" von Alexander Busch in Handelsblatt-Online vom 21.10.2009 
Von einigen Markteilnehmern ist diese Steuer zwar als Strafsteuer bezeichnet worden,

"Brasilien tritt aus China und Indiens Schatten" von Matthias von Arnim in Handelsblatt-Online vom 3.11.2009
aber andererseits ist Brasilien von der weltweiten Finanzkrise wenig betroffen, da es aufgrund seiner hohen Eigenkapitalquote weitgehend unabhängig auf Finanzierungen von außen abhängig ist.
"Brasilien tritt aus China und Indiens Schatten" von Matthias von Arnim in Handelsblatt-Online vom 3.11.2009
Warum soll sich Brasilien also nicht diese Unabhängigkeit von den Weltfinanzmärkten erhalten ? Hat sich doch offenbar bewährt.
Die brasilianische Variante einer Börsenumsatzsteuer ist natürlich nicht eins zu eins auf Europa übertragbar, aber sie stellt einen interessanten Ansatz dar. Sie begünstigt langfristige Investionen in Unternehmen, nämlich dadurch, dass sie kurzfristige Anlagen verteuert oder meinetwegen auch "bestraft" und gleichzeitig Anreize setzt das Kapital langfristig in Unternehmen anzulegen. Uns Europäer sollte die Steuer zumindest inspirieren.

Kommentare:

  1. Brasilien und die "Strafsteuer": Ich schreibe in meinem Artikel:

    "... Die Entscheidung wurde von vielen Börsianern als Strafsteuer empfunden. ..."

    Diese Aussage habe ich tatsächlich von Marktteilnehmern, die ich zum Teil auch zitiere. Deshalb bitte korrekt bleiben: Nicht ich bezeichne diese Steuer als "Strafsteuer". Meine Meinung spielt in diesem Zusammenhang eine eher untergeordnete Rolle. ;-)

    MfG
    Matthias von Arnim

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  2. Ok, da habe ich sie voll falsch verstanden ! Tut mir Leid

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