Donnerstag, 4. Februar 2010

Alles auf Short: Ungedeckte Leerverkäufe nun steuerlich begünstigt

In Zeiten, in denen alle Nichtspekulanten kürzer treten müssen, will auch die Finanzwirtschaft kürzer treten können, aber natürlich mit dicken finanziellen Gewinnen. Naked short selling ist nach rund 17 Monaten wieder vollumfänglich erlaubt.  Es kann also wieder an fallenden Kursen verdient werden, ohne den teuren Umweg über Put-Optionen oder Zertifikate. Natürlich wurde auch gleich die steuerliche Behandlung dieser Geschäfte vom Gesetzgeber "nachgebessert".
Seit Montag sind wieder ungedeckte Leerverkäufe von Aktien in Deutschland wieder uneingeschränkt erlaubt.
nach dem es diese Geschäfte am 19. September 2008 für eine Vielzahl von Aktien aus der Finanz- und Versicherungsbranche verboten hatte und dieses Verbot mit der Abwehr von negativen Auswirkungen auf den Finanzmärkten begründet hatte.
"Allgemeinverfügung der Bafin vom 19.9.2008" mit  Liste der vom Verbot betroffenen Unternehmen
Damit die Freude an Gewinnen aus fallenden Kursen nicht durch das Finanzamt getrübt wird wurden die Steuergesetze dahingehend geändert, dass das short-selling, dem long-selling gleichgestellt wird,
"Aktive Kunden profitieren von Gesetzesänderung bei Leerverkäufen" von Hugin auf fairnews.de vom 2.2.2010
Doch was ist eigentlich ein Leerverkauf ? Sicherlich etwas sehr spannendes, immerhin hat es der Begriff geschafft, zum Börsenunwort des Jahres 2008 gekürt zu werden.
"Jury hat entschieden: Unwort des Jahres" in Handelsblatt vom 19.1.2010
Ein Leerverkauf ist zunächst ein normales Verkaufsgeschäft, mit der Besonderheit, dass der Verkäufer im Zeitpunkt des Vertragschlusses die zu liefernden Waren, Rohstoffe, Devisen oder Wertpapiere noch nicht hat
oder zumindest nicht haben muss.
Der Leerverkäufer geht von fallenden Preisen oder Kursen aus. Seine Hoffnung ist, dass er sich den Kaufgegenstand bis zum Liefertermin billiger als im Zeitpunkt des Vertragschlusses besorgen kann, um dann die Differenz zwischen dem Leerverkaufspreis und den Kosten für die Beschaffung des Gegenstandes als Gewinn einnehmen zu können.
vgl. etwa "Leerverkauf" Eintrag in Börsenlexikon börse.ard.de
Beispielsweise kann jemand am Jahresanfang versprechen, dass er tausend Liter Heizöl zu einem bestimmten Preis am 31.10. liefern wird und dafür so gleich den Kaufpreis kassieren, welcher sich etwa an dem Preis vom Tage im Januar orientiert. Der Verkäufer braucht das Heizöl im Frühjahr noch nicht haben, da er ja erst im Herbst liefern muss. Fällt nun der Heizölpreis im Laufe des Jahres, kann sich der Verkäufer das Öl zu einem geringeren Preis beschaffen und die tausend Liter Heizöl liefern. Der Verkäufer sich damit den - seiner Ansicht nach - hohen Preis im Frühjahr "gesichert" und kann Ende Oktober billigeres Heizöl liefern.
Natürlich funkioniert dieser Deal nur, wenn der Käufer von steigenden Preisen ausgeht, sonst würde er sich ja nicht auf dieses Geschäft einlassen. Je nach dem wie der Ölpreis sich nun entwickelt, macht einer einen Gewinn. Dies kann man nun als Wette bezeichnen, andererseits muss man aber auch einsehen, dass der Käufer eine gewisse Kalkulationssicherheit hat, er weiß, dass er die tausend Liter zu einem bestimmten Preis bekommt, kann also sicher seine Heizkosten kalkulieren.
Insoweit wird auch immer wieder betont, dass Leerverkäufe der Wirtschaft insgesamt nützen würden, da diese Geschäfte es Unternehmen ermöglichen würden, sich gegen Preisschwankungen abzusichern. Häufig kaufen Unternehmen Optionen für bestimmte Waren und Rohstoffe oder auch Devisen, dh. sie zahlen eine Gebühr an einen Händler und bekommen dann die -Option, einen bestimmten Rohstoff bis zu einem bestimmten Termin zu einen vereinbarten Preis kaufen zu können oder etwa eine Option dahingehend den US-Dollar in einem halben Jahr zu dem Kurs von heute gegen Euro tauschen zu können. Laut Herrn Lutz Kruschnik, nach Angaben von "Der Tagesspiegel" ein Finanzexperte an der Freien Universität Berlin,  sichern sich die Optionsgeber ihrerseits mit Leerverkäufen gegen Preisschwankungen ab.
Auch dies macht noch Sinn: Warum soll sich ein Unternehmen, welches seine Exporte in US-Dollar abrechnet oder auf bestimmte Rohstoffe angewiesen ist, nicht gegen Kursschwankungen "absichern" ?
Problematisch wird es erst dann, wenn Aktien oder andere Wertpapiere Gegenstand dieser Geschäfte sind, zu diesem Problem sei zunächst ein kleiner Exkurs gestattet
Exkurs Asset Inflation oder Liquiditätshaussee
Im Gegensatz zu Rohstoffen oder Devisen hat der Aktienkurs einer Aktie keinen Einfluss auf die Herstellung oder die Kalkulation eines Preises für ein Produkt. Vielmehr ist es so, dass der Aktienpreis -sehr idealistisch und theoretisch gedacht- der Gradmesser des Erfolges eines Unternehmens sein soll. Also im Grunde das Ergebnis des Erfolges des hergestellten Produktes am Markt, welches sich in der Dividend eniederschlägt. und diese dann im Aktienkurs. Aber wie gesagt, dieser Ansatz ist natürlich theoretisch, es spielt natürlich auch eine Rolle wie liquide der Markt ist: Wenn viel Geld anzulegen ist und diesem vielen Geld verhältnismäßig wenig Aktiengesellschaften gegenüber stehen, dann kann es etwa sein, die Kurse bei gleicher oder sinkender Dividende steigen (Aktien- oder Asset-Inflation). Kurz gesagt: "Die Anleger wissen nicht wohin mit ihrem Geld" und hoffen auf weitere Kurssteigerungen und nicht mehr auf eine fette Dividende. Richtig lustig, wird es dann, wenn die allgemeine Kaufkraft sinkt, sprich die Nachfrage nach Produkten und damit die Preise sinken. Dann wird in alles mögliche investiert, etwa in Rohstoffe bis die Blase platzt.
Exkurs Ende
Bei dem Leerverkauf von Aktien ist der gedeckte (I) vom ungedeckten Leerverkauf (II) zu unterscheiden. Beiden gemeinsam ist, dass sie der Spekulation auf fallende Kurse dienen und der Spekulant für dieses Geschäft kein nennenswertes Kapital einsetzen muss.
I. Gedeckter Leerverkauf
Beim dem gedeckten Leerverkauf "leiht" sich der Leerverkäufer gegen eine Gebühr eine bestimmte Aktie. 
Genau genommen leiht der Verkäufer die Aktie nicht, sondern nimmt diese als sogenanntes Sachdarlehen auf, die Aktie wird damit zu seinem Eigentum.
"Leerverkauf" Wikipedia-Eintrag Stand 4.2.2010
Denn er muss nicht die geliehene Aktie zurückgeben, wie etwa bei einer Leihe, sondern nur die gleiche Aktie dem Sachdarlehengeber zurückgeben. Der Vorgang handelt ähnelt daher dem "Leihen" von Mehl an einem Sonntagnachmittag, welches jemand sich bei einem Nachbarn "borgt", weil er am Sonntag einen Kuchen backen will. Hier wird dem Nachbarn klar sein, dass er am Montag nur eine Packung Mehl gleicher Art und Güte zu erwarten hat und das geborgte Mehl in das Eigentum des "Entleihers" geht. Diese  vermeintliche Spitzfindigkeit ist wichtig, da der Leerverkäufer die als Sachdarlehen erhaltene Aktie sofort verkauft
Es ist damit nicht so, dass der Leerverkäufer etwas verkauft, was ihm nicht gehört, 
zumindest nicht bei einem gedeckten Leerverkauf. Es würde ja auch niemand dem Mehlentleiher zum Vorwurf machen, dass er die geborgte Packung Mehl zu einem Kuchen verarbeitet und diesen dann selber ißt. Zur Lage bei einem ungedeckten Leerverkauf so gleich. unten. 
Für gedeckte Leerverkäufe gilt daher nicht das im Web kursierende Gedicht, in welchem gereimt ist, dass der Leerverkäufer Sachen verkaufe, die ihm nicht gehörten. Es stammt im Übrigen nicht aus den dreißziger Jahren des vorherigen Jahrhundert und ist auch nicht von Tucholsky.
Fallen nun die Kurse, wie vom Leerverkäufer erwartet, dann kann er die "geliehene" Aktie zu einem niedrigeren Preis am Aktienmarkt kaufen und sie auf das Depot des "Verleiher" in Erfüllung des Sachdarlehens übertragen. Das Geschäft ist aus Sicht des Leerverkäufers daher von der Hoffnung getragen, dass der Kurs der geschäftsgegenständlichen Aktie fällt,
"Leerverkäufe wieder erlaubt" auf börse.ard.de 
da er ansonsten mehr Geld für die Aktie ausgeben muss, als er durch den Verkauf der "geliehenen" Aktie erhalten hat.
II. Ungedeckter Leerverkauf
Bei dem ungedeckten Leerverkauf macht sich der Verkäufer den Umstand zu nutze, dass es einige Tage dauert, bis eine Aktientransaktion vollzogen ist. Dieser Umstand ermöglicht es dem Leerverkäufer, die Aktie zu verkaufen, ohne an dieser Eigentum oder Besitz erworben zu haben,
vgl.. hierzu "Begriff des Tages: Leerverkäufe" von Frank Stockner in Welt-Online vom 2.2.2010, wobei hier der Autor nur von "Besitz" spricht
denn er muss ja erst zwei bis drei Tage später liefern. Fällt in dieser Frist der Kurs der geschäftsgegenständlichen Aktie, kann er diese zu niedrigeren Kurs an der Börse kaufen und damit das Verkaufsgeschäft erfüllen.
Blöd ist es für den Verkäufer, wenn der Kurs unerwartet steigt, dann muss er wohl oder übel die Aktien zu einem höheren Kurs kaufen, um die ursprüngliche Verkaufsorder zu erfüllen. Noch blöder ist es für ihn, wenn er die Aktie gar nicht mehr bekommt, weil ein Haufen von Spekulantenkollegen auf die gleiche Idee im gleichem Zeitpunkt gekommen ist. Dann entsteht eine sogenannte "short squeeze", eine Leerverkäuferbedrängnis, viele Leerverkäufer wollen im gleichem Zeitpunkt zu jedem Preis eine bestimmte Aktie, weil sie diese dringend brauchen, um ihr Lieferversprechen einzuhalten.
"Short Squezze" Wikipedia-Eintrag Stand 4.2.2010
Wirklich eine richtig blöde Sache, warum kommen eigentlich immer die gleichen Leute auf die gleiche Idee? Insbesondere bei "marktengen" Aktien kann ein besonders schmerzliche Situation eintreten. Es ist durchaus möglich, dass bei ungedeckten Leerverkäufen von den Leerverkäufern mehr Aktien verkauft wurden, als am Markt überhaupt verfügbar waren,
vgl.. hierzu "Begriff des Tages: Leerverkäufe" von Frank Stockner in Welt-Online vom 2.2.2010
ist ja logisch: Mangels des Erfordernisses einer vorherigen "Entleihung" bei nackigen Leerverkäufen, kann man ja viel versprechen, wenn man vier Tage Zeit hat. Nur ärgerlicherweise kann es vorkommen, dass ein Manager an einem Sonntag -wie unfair :-)- erzählt, dass er einen Haufen der geschäftsgegenständlichen Aktien in der Hand hat, weil er eine Übernahme des geschäftsgegenständlichen Unternehmens plant und dies sich am Montag auch noch tatsächlich als absolut wahr herausstellt . Dann explodieren die Kurse der wenigen Aktien im Streubesitz  geradezu und der Leerverkäufer darf Preise zahlen, die das was man gemeinhin als  "Bordellpreise" bezeichnet, um ein Vielfaches übersteigen.
"Hedgefond verzockten fast 15 Milliarden Euro mit VW-Aktien" in Spiegel-Online vom 28.10.2008
Aber oft geht es ja gut und der kluge Kapitalist organisiert sich, so wird gemunkelt, dass sich Gruppen von Daytradern organisieren und koordiniert vorgehen und eine Aktie "runterdrücken". So wird den Leerverkäufern vorgeworfen, dass sie alles dafür tun, dass die Kurse sinken, da es ja in ihrem Interesse sei, wie etwa Dierk Hirschel vom Deutschen Gewerkschaftsbund.
"Bühne frei für Spekulanten: Bafin hebt das Verbot von Leerkäufen auf" von Miriam Schröder in Der Tagespiegel vom 2.2.2010
Und schon 2007 wurde gemunkelt, dass die Leerverkäufer die Kurse manipulieren, in dem sie koordiniert gegen bestimmte Firmen vorgehen und insbesondere auch negative Nachrichten in Börsianerforen und sogenannten Börsenbriefen lancieren.
Insgesamt wohl diese Theorien verneinend, aber lesenswert: "Shorties: Die Hyänen der Börse" von Bettina Seidl in ard.börse.de vom 24.8.2007
Marktzyniker meint: Sicherlich hat die Bafin im wesentlichen die Leerverkäufe im Hinblick auf die Finanzkrise untersagt, um die deutsche Finanzindustrie zu schützen, welche sich im Herbst 2008 offenbar in einer dicken Misere befand, weil sie wahrscheinlich von Shorties ordentlich unter Druck gesetzt worden ist. Dies erklärt sich schon alleine deswegen, dass der Chef des Bankenverbandes - Verband deutscher Banken Herr Weber das Verbot der Bafin wieder mal sehr abwägend begrüßte. Nämlich dahingehend, dass eine Spekulation auf fallende Kurse ja nichts Schlimmes sei, aber die momentane Situation ein Verbot erfordere, da in jetzigen Situation (die vom Herbst 2008) den Finanzinstituten durch Leerverkäufe weitere Schwierigkeiten entstünden. Ein generelles Verbot sei aber überzogen.
"Bafin untersagt Leerverkäufe bis zum Jahresende" in Netzzeitung vom 20.09.2008
Ja klar, da haben wir es wieder: Bei schönen Wetter ordentlich mitspekulieren und bei Regen Papi Staat um Hilfe anrufen, wenn man mal selber "Opfer" von Leerverkäufern werden kann.  
Aber nun gut: Aufgrund der dargestellten Mißbrauchsmöglichkeiten bedarf es nicht viel Fantasie, wie man mit den Leerverkäufen zumindest kurzfristig, auch kurzfristig ganze Unternehmen und wenn auf Währungen spekuliert wird, auch ganze Volkswirtschaften in arge Bedrängnis bringen kann. Man stelle sich vor, dass eine Gruppe aus welchen Gründen auch immer die Währung eines Staates "shortet", die Auswirkungen wären aufgrund der Hebelwirkung dieser Geschäfte so immens, dass nur Dummköpfe sich "klassischen" Terrorismus bedienen würden, um einen Staat zu schädigen. 
Darum: Verbietet das Shortseeling und zwar sofort !

Kommentare:

  1. schöner und vor allem gut geschriebenen artikel. vielen dank dafür!

    AntwortenLöschen
  2. Schön geschrieben und gut erklärt. Nur die Verbotsforderung ist ein bißchen übereilt. Solange Spekulationen auf steigende Kurse möglich sind, sollte es auch die Möglichkeit geben, auf fallende Kurse zu spekulieren. Ansonsten geben nur noch die Berufsoptimisten (von denen es an den Börsen ohnehin mehr als genug gibt) den Ton an und es kommt in Boomzeiten zu noch stärkeren Blasenbildungen. Es gibt massenhaft emirische Untersuchungen zu den Auswirkungen von Leerverkäufen auf die Finanzmärkte. Ich empfehle hier einen Blick auf das "social science research network" (ssrn). alle studien billigen Leerverkäufen grundsätzlich positive Auswirkungen auf die Finanzmärkte zu (Preisfindung/ Marktliquidität/ Verringerung Blasenbildung). Natürlich werden Leerverkäufe auch zu manipulativen Zwecken eingesetzt. Aber Marktmanipulation ist kein spezielles Problem der Shorties, sondern wird auch von Hausse- Spekulanten gerne eingestzt (Pump & Dump). Ein Verbot ungedeckter Leerverkäufe mag sinnvoll sein. Ebenso temporäre Verbote oder Einschränkungen von Leerverkäufen in besonders instabilen Marktsituationen. Ggf. könnte man nach US- amerikanischen Vorbild auch eine Uptick- Rule einführen. Ein grundsätzliches Verbot auch gedeckter Leerverkäufe ist aber sicher keine gute Idee.

    AntwortenLöschen
  3. Na, aus meiner Sicht würde dann aber ein Verbot des "Naked Short Selling" ausreichen

    AntwortenLöschen
  4. ... ansonsten danke für den Artikel. Klar und deutlich geschrieben und hat mir den Unterschied zwischen gedeckten und ungedeckten Leerverkäufen gut erklärt.

    AntwortenLöschen