Mittwoch, 16. Juni 2010

Die Welt - Mit Nebelkerzen gegen "dämonisierende" DIW-Studie

Langsam stellt sich die Frage, ob bei Welt-Online überhaupt noch irgendjemand einen blassen Schimmer davon hat, worüber er schreibt. Kürzlich die Peinlichkeit mit dem Brecht-Zitat und nun auch Andrea Seibel: Sie unterstellt dem DIW in einer Studie Fakten unterschlagen zu haben, um Reiche zu dämonisieren, obgleich sich die angeblich unterschlagenden Fakten in der Studie und in einer Pressemitteilung des DIW unschwer finden lassen.

Langsam scheint die Redaktion von Welt-Online von allen guten Geistern verlassen zu sein. Es ist ja noch irgendwie lustig, wenn Frank Schmiechen einem Protestierer, welcher ein Transparent mit einem Brecht-Zitat hochhebt, "dumme Polemik" unterstellt,
der Spaß hört jedoch auf, wenn ein ganzer Kommentar auf grob fahrlässig falscher Tatsachengrundlage aufgebaut wird.
Es fragt sich damit, von welchem Dämon Andrea Seibel -laut Impressum von Welt-Online Mitglied der Chef-Redaktion-
beeinflusst war, als sie in ihrem Kommentar: "DIW-Studie - Die Dämonisierung der Leistungsträger" folgende These im Einleitungstext des Artikels aufstellte:
"Die DIW-Studie unterschlägt, dass hierzulande gut 60 Prozent zur Mittelschicht gehören und dämonisiert die "Reichen"."
Um einen Lesebrillen- oder gar einem Recherche-Dämon wird es sich sicherlich nicht gehandelt haben, zumindest dann nicht, wenn Andrea Seibel die Studie "Polarisierung der Einkommen: Die Mittelschicht verliert" 
des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin meint, denn genau dies steht auf Seite 4, letzte Spalte am Ende, nebst Grafik und zwar nicht 60 Prozent, sondern sogar 61,5 Prozent in 2009:
"Der Anteil von Personen in Haushalten mit mittleren Einkommen stieg seit 2000 erstmals wieder an, immerhin um 0,6 Prozentpunkte von 60,9 Prozent 2008 auf 61,5 Prozent 2009."
Sicherlich kann man diesen Satz übersehen, aber offenbar hat Andrea Seibel nicht mal die Pressemitteilung des DIW vom 15.6.2010 zu dieser Studie gelesen, denn dort steht:
"Nur 60 Prozent der Menschen in Deutschland gehören noch zur Mittelschicht, mit Nettoeinkommen zwischen 860 und 1.844 Euro."
Marktzyniker fragt und meint: Sieht so eine auch nur oberflächliche Recherche aus?  Ist das Qualitätsjournalismus?
Sicherlich! Der Artikel stellt einen Kommentar da, welcher grundsätzlich subjektiv sein darf. Nur es ist zwischen Tatsachenbehauptungen und Meinungen zu unterscheiden. Und die Behauptung, dass die Ersteller der Studie "unterschlagen" hätten, dass noch 60 Prozent zur Mittelschicht gehörten, ist eine Tatsachenbehauptung und zwar eine schlicht falsche, deren unwahrer Tatsachengehalt sich durch einen Blick in die Studie und der Pressemitteilung belegen lässt.
In dubio pro reo soll Andrea Seibel hier keine absichtliche Täuschung der Leser unterstellt werden, sondern nur grob fahrlässig schlechte Recherche. Nichtsdestotrotz ist es nicht mehr witzig, wenn Erstellern einer wissenschaftlichen Studie aufgrund falscher Tatsachen unterstellt wird, sie würden "Reiche dämonisieren". Da hört einfach der Spaß auf, da solcherlei Behauptungen schnell die wissenschaftliche Reputation der Ersteller untergraben können. Es in diesem Zusammenhang schon  wirklich ein starkes Stück, dass Andrea Seibel  im gleichen Kommentar dann noch fragt, wann denn die "Klischees und Denunziationen" im Hinblick auf "Wohlhabende" aufhören würden?
Warum nun plötzlich "Wohlhabende", war nicht in der Überschrift noch von "dämonisierten "Leistungsträgern" die Rede? Wer wird denn nun angeblich "dämonisiert"? Auch hier hätte ein Blick in die Pressemittelung des DIW zumindest zu einer halbwegs schlüssigen Argumentation geführt. Von einer Personengleichheit von "Wohlhabenden" und "Leistungsträgern" kann wohl kaum ausgegangen werden. Zumindest dann nicht, wenn Andrea Seibel mit "Wohlhabenden" Arbeitnehmer meint, wovon auszugehen ist, wie dieses Zitat zeigt:
"(....) sondern von Berufsgruppen, die gerade auch mit ihren Steuern und Abgaben einen beträchtlichen Teil zum Staatseinkommen beitragen.".  
Dann hätte Andrea Seibel nämlich allen Ernstes behaupten müssen, dass ein Arbeitnehmer, welcher als Single maximal 1844 Euro verdient, 
ein wohlhabender Mittelschichtler sei, um die offenbar synonyme Verwendung von "Wohlhabenden"  und "Leistungsträger" zu rechtfertigen. Angesichts der Tatsache, dass in diesem unserem Lande, ein Prozent der Bevölkerung über annähernd ein Viertel des Gesamtvermögens verfügt,
hätte sich Andrea Seibel nur lächerlich gemacht. Der geneigte Leser ziehe seine eigenen Schlüsse aus dieser Verwirrung der Begrifflichkeiten.  
Marktzyniker hat viel Humor und konnte etwa über Andrea Seibels Kommentar "Deutscher Jagdeifer"
herzhaft lachen und hat diesen Text gerne in seiner Satire: "Jetzt reichts - Schluss mit dem Reichenmobbing"
verarbeitet, aber grob fahrlässig ein vernichtendes Urteil aufgrund falscher Tatsachen zu fällen, da hört der Spaß auf!
Last but not least, doch noch was zum Lachen aus der Feder von Andrea Seibel: 
"Leichte Abnahmen über die letzten zehn Jahre sind dem Arbeitsmarkt geschuldet, aber auch privaten und riskanten Lebensentwürfen wie Scheidung(....)"
Soso! Scheidung als Lebensentwurf !?! Na, dann! Viel Spaß bei der nächsten planmäßigen Scheidung ! :-)

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Schwarzgelb abgewählt werden muss.

1 Kommentar:

  1. Ehr lustig zu lesen der Artikel von Frau Seibel. Auch das die Menge der Wohlhabenden steigt, die Menge der Mittelschicht konstant bleibt (auf jeden Fall nicht abrutscht) und die Unterschicht von selbst wächst. Mit Prozentrechnung hat sie es nicht so. Das was unten fehlt taucht oben wieder auf. Sehr schwierig. Was ich mich bei der Diskussion immer wieder Frage ist, wo die Grenzen der Mittelschicht liegen. Die obere Grenze kenne ich Mittlerweile als Spektrum von 1800-2800Euro netto im Monat.

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