Dienstag, 15. Juni 2010

Peinlich - Bertolt Brecht laut Welt-Online nur ein dummer Polemiker?

Offenbar haben die Demonstrationen vom Samstag einiges bewirkt, zumindest Panik in der Redaktion von Welt-Online, dem publizistischen Flaggschiff des deutschen Unternehmertums und dieser unserer Sachkapital- und Geldelite. Da wird ein Spruch auf einem Transparent als dümmlich und polemisch kritisiert und der Herr stellvertretende Chefredakteur rallt nicht, dass es sich um ein Brecht-Zitat handelt und begründet unbewußt den Standpunkt der Protestierer. 

Was ist bloß aus Welt-Online geworden? Nur noch propagandistische Leichtmatrosen an Bord? Ja, dass waren noch Zeiten als Andrea Seibel agitierte. Man erinnere sich an "Deutscher Jagdeifer", ein Schulbeispiel manipulierender Propaganda. Genial wie Frau Seibel damals dem wegen der Steuer-CDs geifernden Pöbel an der eigenen Nase packte, in dem Frau Seibel ihm unterstellte, dass der Pöbel ja selber schwarzarbeite.
"Seibel to the front!!!" will man rufen, wenn man "Ein Riss geht durch die Mitte der Gesellschaft" von Frank Schmiechen liest. Man erkenne an den Demonstrationen gegen das Sparpaket, wie gespalten unsere Gesellschaft sei, dazu käme dumme Polemik, so der Einleitungstext.
Dem Herrn stellvertretenden Chefredakteur der Welt-Online-Gruppe Frank Schmiechen ist insbesondere ein Transparent im "Plakatwald der Protestierer" aufgefallen, auf welchem stünde:
"Wäre ich nicht arm, wärt ihr nicht reich"
Ahja! Hier soll also offenbar nun die "dumme Polemik" der "Protestierer" liegen. Blöd nur, dass es sich um ein Zitat von Bertolt Brecht handelt, doppelt blöde für den Herrn stellvertretenden Chefredakteur Frank Schmiechen, dass seine eigene Zeitung schon vor zwei Jahren darüber berichtet hat, dass folgender Vierzeiler von Brecht stamme:
„Armer Mann und reicher Mann 
standen da und sah’n sich an 
und der Arme sagte bleich: 
’Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich’.“ 
Tja, wer die Welt verstehen will, muss die Welt lesen, sei an dieser Stelle Frank Schmiechen geraten. Aber nun gut, man muss ja Brecht nicht mögen, aber wenn man einem laut Wikipedia einflussreichen Lyriker und Dramatiker des 20. Jahrhunderts "dumme Polemik" 
vorwerfen will, dann muss man etwas schwerere Geschütze auffahren, als dieses traurige Geschreibsel:
"Seine (Anmerkung Marktzyniker: Es ist der Hochhalter des Plakats gemeint) schwierige wirtschaftliche Lage begründet er mit dem Wohlstand der anderen. Ihr Geld gehört nach seiner Lesart eigentlich ihm und seinen Mitdemonstranten."
und weiter Frank Schmiechen:
"Für ihn ist es offenbar undenkbar, dass sich jemand in Deutschland seinen Wohlstand wirklich verdient hat. Mit harter Arbeit, Durchhaltevermögen, mit einer langen, anstrengenden Ausbildungszeit, mit Mut und Fleiß. Oder mit eisernem Sparwillen." 
Ja, hat denn der Herr Frank Schmiechen sich mit dem Demonstranten nun unterhalten oder nicht? Einerseits habe der Demonstrant etwas begründet, andererseits wird spekuliert: "offenbar". Nun gut, es sei unterstellt, dass dem Herrn stellvertretenden Chefredakteur die zweite Frage erst im klimatisierten Büro der "Welt-Gruppe" eingefallen ist, kann ja mal vorkommen.
Nun gut: Frank Schmiechen stellt den in dem Brecht-Zitat angedeuteten ursächlichen Zusammenhang, dass der Reichtum des einen durch die Armut des anderen bedingt sei, in Frage. Schade nur, dass Herr Frank Schmiechen nicht den Versuch unternommen hat, den Leser über den fehlenden Ursachenzusammenhang aufzuklären. Im Gegenteil: Die objektive Frage der Kausalität wird nicht herausgearbeitet, sondern gleich ein Schwenk auf die subjektive oder charakterliche Ebene des Reichtums gemacht. Bestimmte Tugenden, wie "Mut", "Fleiß" und "eiserner Sparwille" würden zu materiellem Reichtum führen. Ach Moment! Da geht Marktzyniker auch einen Schritt zu weit: Frank Schmiechen spricht davon, dass sich jemand seinen Wohlstand durch die eben genannten Tugenden "verdient" habe. Zu der Behauptung, dass "Mut", "Fleiß" und "eiserner Sparwille" zwingend zu individuellem Wohlstand führen würde, so weit lehnt sich Frank Schmiechen nicht aus dem Fenster. Offenbar sieht Herr Frank Schmiechen auch die Problematik, dass es unverdienten Reichtum b.z.w unverschuldete Armut gibt. Insoweit ist auch diese These von Schmiechen unschlüssig:
"Die Idee vieler Parolen und Plakate auf dieser Demonstration: Individuelle Lebensrisiken und Notfälle sollen mit dem Geld von besser gestellten Mitbürgern abgefedert werden."
Herr Frank Schmiechen spricht hier vom Geld der "besser gestellten Mitbürger", also grade nicht der mutigen und fleißigen und sparsamen Bürger, sondern er benutzt eine passive Wendung "gestellt", nicht etwa der fleißigen Mitbürger. Nein! Der "gestellten" Bürger, derjenigen Bürger die in auskömmliche Verhältnisse gestellt oder besser geboren worden sind. 
Marktzyniker meint: Danke Herr Schmiechen! Besser als mit diesem Artikel kann man den Standpunkt der Protestierer nicht begründen! Weiter so ! 
Denn wenn es in dieser Gesellschaft oder der Mitte einen Riss gibt, dann diesen hier:
Und davor, dass sich dieser Fakt herumspricht, davor hat der Springer-Verlag pure Angst, denn wenn dies jeder für doof verkaufte und manipulierte Bild-Leser kapiert hat, dann wäre die Republik ein bißchen besser.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Schwarzgelb abgewählt werden muss.

1 Kommentar:

  1. Sehr schön beobachtet. Ich hatte unter dem Artikel auch entsprechend meine Meinung gegeigt. Gruss von Peter K. aus Berlin

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