Donnerstag, 15. Juli 2010

Banken - Warum der Stresstest zur Komödie wurde

Mit Stresstests soll in der Finanzwirtschaft festgestellt werden, ob auch bei ungünstigen Bedingungen ein Kredit-"Institut" zu einem geordneten Geschäftsbetrieb in der Lage ist. Hierzu werden bestimmte Szenarios durchgespielt und geprüft, ob die Banken in diesen simulierten Fällen über hinreichendes Kernkapital verfügen. Insoweit sollen nun auch europäische Banken einem solchem Test unterzogen werden. Es darf aber daran gezweifelt werden, ob dieser Stresstest irgendeinen Wert hat, denn Zielrichtung dieses Tests ist wohl eher die Märkte zu beruhigen. Es wird damit zu erwarten sein, dass die Szenarios sehr optimistisch sein werden.

Ein Stresstest im wirtschaftswissenschaftlichen  Sinne ist eine Simulation von negativen Ereignissen, welche Auswirkungen auf eine bestimmte Zusammenstellung von Geldanlagen (sogenanntes: Investmentportfolio) haben könne. Es wird gefragt, wie sich die simulierten negativen Ereignisse auf den Wert der Zusammenstellung der Geldanlagen auswirken können.  
Stresstests stellen damit ein Instrument zur Risikoprognose dar und sie sollen darüber Transparenz schaffen, ob eine Bank oder ein Versicherungsunternehmen in der gedachten Marktsituation in der Lage ist ohne Hilfe von Dritten ihre Vertragspflichten weiter zu erfüllen oder nicht.
Um aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten, müssen auch äußere Umstände einbezogen werden, die zwar sehr unwahrscheinlich, sind aber dennoch möglicherweise eintreten können.
Im idealen Fall simuliert ein Stresstest sowohl das beste als auch das schlechteste zu erwartende Szenario
und ist erst dann bestanden, wenn das geprüfte Kredit-"Institut" auch im schlechtmöglichsten Szenario in der Lage ist seine vertraglichen Pflichten ohne fremde Hilfe zu erfüllen.
Soweit die graue Theorie. Zumindest dann wenn es um Banken geht, stellt ein solcher Stresstest ein Politikum dar. Sicherlich ist es auch eine Prestigefrage, ob das Bankenwesen im eigenen Lande solide ist,
aber eine unsolide Bank ist auch eine Frage von Steuergeldern. Denn wenn die Simulation ergibt, dass im schlimmsten Fall eine "durchgefallene" Bank kein hinreichendes Eigenkapital zur Abdeckung ihrer Risiken hat, dann ist sie gezwungen sich neues Eigenkapital zu verschaffen.
Findet das  durchgefallene "Institut" dann keine privaten Geldgeber, wird der Staat gezwungen sein die Bank mit weiteren Geldern zu stützen, was natürlich dann nicht Beliebtheit des veranwortlichen Politikers grade heben wird,
vgl. "Bankenstresstest - Bloss nicht durchfallen" von Mark Schieritz in Zeit-Online vom 8.7.2010
aber das wird natürlich Schwarzgelb egal sein,  das System Tina Merkel ist bis auf weiteres bedauerlicherweise als Fakt zu betrachten,
denn Wolfgang Schäuble (CDU) hat schon jetzt etwaigen Durchfallern versprochen, dass sie sich aus dem sogenannten 750 Milliarden schweren Rettungsschirm bedienen dürfen.
Aber auch die Banken waren nicht grade begeistert von dem Stresstest. In Europa seien keine Stresstests erforderlich, wie sie etwa in den USA stattfinden würden, da die Aufsichtsbehörden und Banken selber ständig kontrollieren würden, 
"Finanzbranche - Bankenverband lehnt Stresstest ab" in Handelsblatt-Online vom 7.5.2010
so das Vorstandsmitglied Andreas Schmitz des Bundesverbandes Deutscher Banken. Offenbar ist der Bankenverband noch mal in sich gegangen, im Gegensatz zu anderen Bankenvereinigungen. Nach dem die EU den Stresstest beschlossen hatte, erkärte sich der Bundesverband Deutscher Banken mit dem Test im "wesentlichen" einverstanden, solange gewährleistet sei, dass es keine "Fehlinterpretationen" der Daten gebe.
"Finanzmarkt: EU will Stresstest veröffentlichen" in Zeit-Online vom 17.6.2010
Zwischenzeitlich haben nun alle "Institute" ihr Einverständnis in die Veröffentlichung der Ergebnisse des Stresstestes erteilt. Wohl oder übel, denn die Banken befinden sich in einer Zwickmühle. Im Falle einer Verweigerung hätte der "Markt" den Schluss gezogen, dass das Institut etwas zu verbergen hat. Das Einverständnis wiederum birgt das Risiko des Durchfallens und damit die Gefahr erst Recht Zweifel bei den "Anlegern" zu erwecken.
Aber auch die Politik steckt in einer Zwickmühle. Dies zeigt sich daran, dass  offenbar bis heute noch nicht die Kriterien des Stresstestes endgültig festgelegt worden sind. So soll angeblich im strengsten Szenario ein Wertverlust von nur zwanzig Prozent auf griechische Staatsanleihen zu Grunde gelegt werden,
"Platow Kolumne - Stresstest ohne Stress" von Christoph Frank auf Finanzen.de vom 14.7.2010
obgleich noch im April 2010 ein Abschlag von fünfzig Prozent auf griechische Staatsanleihen in der Wirtschaftspresse diskuttiert worden ist.
"Umschuldung: Deutsche Banken fürchten den „Hair-Cut“ in Handelsblatt-Online vom 28.4.2010
In diesem Zusammenhang grenzt es schon fast an ein Wunder, dass überhaupt ein Abschlag auf Staatsanleihen in ein Testszenario eingeht. Anfangs gab es noch die Erwägung, dass man grade keinen Staatsbankrott als Szenario stellen sollte, da in diesem Fall die Wirksamkeit des 750 Milliarden-"Rettungsschirm" in Frage gestellt sein könnte.
"Bankenstresstests ohne Stress" auf börse.ard vom 5.7.2010
Aber im Hinblick darauf, dass Italien, Belgien und die Slowakei den Vertrag zur Einrichtung des Rettungschirmes bis heute noch nicht ratifiziert haben 
"Stresstest sorgt für Stress - Sorge um nicht krisenresitente Banken" auf Stern-Online vom 14. Juli 2010
und das in Deutschland eine Verfassungsklage gegen den "Rettungsschirm" anhängig ist,
vgl. "Euro-Kritiker weiten Klage aus" in Tagesspiegel vom 7.7.2010
wäre es normalerweise erforderlich sogar den Ausfall des "Rettungsschirms" als schlimmsten anzunehmenden Fall zu definieren.
Wenn man denn belastbare Ergebnisse wollte. Daran bestehen erhebliche Zweifel. Schon am 12. Juli 2010 prophezeite Wolfgang Schäuble, dass die Stresstests die Sorgen um die Banken zerstreuen und die Finanzmärkte beruhigen würden.
"Beruhigungspille Stresstest - Staaten wollen Banken stützen" auf n-tv-online vom 12.7.2010
Geht man davon aus, dass Wolfgang Schäuble keine hellseherischen Fähigkeiten hat, so ist davon auszugehen, dass der Stresstest ergebnisorientiert durchgeführt wird. Natürlich wird die eine oder andere Bank durchfallen, denn ein Stresstest den alle bestehen wäre dann wohl auch allzu offensichtlich verfälscht. Insoweit wird gemunkelt, dass ungefähr zehn bis fünfzehn Prozent der Banken durchfallen werden, denn ein Stresstest müßte glaubwürdig sein,
aber glaubwürdig heißt nicht immer auch realistisch.
Marktzyniker meint: Es wurde dargelegt, dass sich Finanzwirtschaft und Politik durch den Rettungsschirm derartig verknotet und verwoben haben, dass man schon fast von einem gordischen Knoten sprechen kann. Die Unfähigkeit einen einfachen und ehrlichen Stresstest durchzuführen zeigt die Handlungsunfähigkeit neoliberaler Politik.
Bekannterweise hat Alexander der Große den gordischen Knoten radikal gelöst, nämlich durch einen einfachen Schwerthieb.
Wikipedia-Eintrag: "Gordischer Knoten"
Nun gut! Mit einem Schwerthieb wird das dargelegte Dilemma nicht zu lösen sein. Notwendig ist die einfache Einsicht, dass man ein totes Pferd nicht reiten kann.  Wenn ein Pferd tot ist, dann ist es tot. Da hilft es auch nicht, dass Pferd auf einer Sänfte durch die Gegend zu schleppen und den Zuschauern zu erzählen, dass das Pferd noch lebe und bald wieder geritten werden könnte, da es ja schon wieder in Bewegung sei. Man würde sich nur lächerlich machen, wenn man das Pferd nicht einfach in der Wüste liegen lässt.
Was spricht eigentlich dagegen, mal eine Bank pleite gehen zu lassen? Wenn die Pleite-Bank wirklich systemrelevant wäre, dann sollen doch die Finanzmarktakteure die Pleite-Bank retten, welche die Pleite-Bank angeblich brauchen. Warum wird jetzt, noch vor Bekanntgabe der ohnehin unglaubwürdigen Stresstestergebnisse, schon mit Staatsgeldern gewunken? Weil es Schwarzgelb um eine Glaubensfrage geht. Würde dem Wähler klar werden, dass es sich bei der Finanzbranche um ein morsches Gebilde handelt, welches auf leeren Versprechungen und Träumen beruht, dann wäre Schluss mit der Vision kapitalgedeckter Renten- und Krankenversicherungen, denn wer würde dann noch der Finanzbranche auch nur einen Cent anvertrauen?
 

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