Samstag, 24. Juli 2010

Stresstest - Der fiese Trick mit dem Handelsbuch

Nun ist die Katze also seit Freitag aus dem Sack. Die Ergebnisse des Stresstests liegen vor. Wie zu erwarten haben fast alle bestanden. Ob der Test aber die "Märkte" beruhigen wird, darf bezweifelt werden. Es liegt der Verdacht nahe, dass hier der Test dem Testobjekt angepasst wurde. Ein interessantes Beispiel dafür, dass nicht rauskommen sollte wo der Hund begraben ist, ist die Sache mit dem Handelsbuch.

Lange war umstritten, ob Totalausfälle europäischer Staatsanleihen überhaupt Gegenstand des großspurig angekündigten Bankenstresstests werden sollten. Man befürchtete, dass durch die theoretische Annahme eines Staatsbankrotts innerhalb der Euro-Zone die Wirksamkeit des 750 Milliarden-"Rettungschirms" in Frage gestellt werden könnte.
Letztendlich wurden dann doch Szenarien durchgespielt, bei denen Abschläge (Haircut) auf europäische  Anleihen angenommen wurden. Ob die Höhe der Abschläge einen realistischen Stresstest darstellen, darf  aber mit gutem Gewissen bezweifelt werden. So wurde beispielsweise für griechische Staatsanleihen mit fünfjähriger Laufzeit ein Abschlag von 23,1 Prozent simuliert, für Portugal wurde ein Haircut in Höhe von 14,1 Prozent und für Spanien ein Abschlag von 12 Prozent im "strengsten" Szenario angenommen.
Offenbar um den sogenannten Stresstest noch relaxter zu gestalten, wurden die Abschläge nur auf Staatsanleihen berechnet, welche sich im Handelsbuch befinden. Staatsanleihen im Anlagebuch wurden nicht berücksichtigt,
im Gegensatz zu den us-amerikanischen Tests, in welchem Anleihen in beiden Büchern Gegenstand der Stresstests waren.
Banken sind aus aufsichtsrechtlichen Gründen verpflichtet ein Handels- und ein Anlagebuch zu führen. Im Anlagebuch sind Positionen zu verzeichnen, welche nicht in das Handelsbuch gehören.
Wikipedia-Eintrag: "Anlagebuch"
Im Handelsbuch sind nur Positionen zu verzeichnen, welche die Bank hält, um mit diesen Positionen unter Ausnutzung von Kurs- und Zinsänderungen kurzfristige Geschäfte zu machen.
Da sich der Inhalt des Anlagebuches aus der negativen Abgrenzung zum Handelsbuch ergibt, sind in dem Anlagebuch insbesondere Positionen enthalten, welche die Bank bis zur Endfälligkeit hält.
Im Ergebnis wurden im Stresstest damit nur Anleihen berücksichtigt, welche von der Bank in der Absicht gehalten werden, diese kurzfristig zu verkaufen.
"Experte: Stresstest sollte geheim bleiben" von Georg Winters in rp-online 24.7.2010
Hinter dieser "Spielregel" des Stresstests mag die Erwägung stecken, dass angeblich nach europäischem Bilanzrecht bei Kursverlusten von Staatsanleihen nur auf zum Zwecke des kurzfristen Handels gehaltenen Anleihen eine Abschreibung erfolgen muss. Will das "Institut" allerdings die Anleihe bis zum Ende der Laufzeit halten, so muss die Abschreibung angeblich erst bei einem Staatsbankrott erfolgen.
"Restrisiko Staatspleite" von Mark Schieritz in Zeit-Online vom 23.7.2010
Insoweit kann die Situation eintreten, dass die Banken zwar auf dem Papier hinreichend Kapital haben, aber dieses in der Praxis nicht flüssig machen können,
vgl. "Reformbedarf bei Europas Bankenaufsicht." von Thomas Baumgartner Pressemitteilung der Frankfurter Neuen Presse vom 23.07.2010
vielleicht liegt in diesen Bilanzregeln der eigentliche Grund dafür, dass die Europäische Zentralbank den "Sündenfall" begeht und europäische Staatsanleihen kauft.
vgl. "EZB spielt weiter auf Zeit" auf börse.ard vom 8.7.2010
Wie dem auch sei: Interessant ist auch, dass die Financial Times Deutschland unter Berufung auf die us-amerikanische Bank Morgan Stanley darüber berichtet, dass die Banken neunzig Prozent der gehaltenen griechischen Staatsanleihen vom Handelsbuch in das Anlagebuch umgebucht haben.
"Sorge um Europas Geldhäuser: Banken-Stresstest wird zum Rohrkrepierer" von Patrick Jenkins und Christine Mai in Financial Times Deutschland vom 21.07.2010 
Da ist es schon ein Wunder, dass die Banken ihre Länderrisiken gesondert ausgewiesen haben sollen. Die Frankfurter Rundschau rät mittels Dreisatz die Auswirkungen eines Staatsbankrotts in Europa selber zu berechnen.
"Bankentest - Von wegen Stress" Robert von Heusinger und Stephan Kaufmann in Frankfurter Rundschau vom 24.7.2010
Marktzyniker meint: Gar nichts mehr! Es wird auf die Ausführungen zum Stresstest in "Banken - Warum der Stresstest zur Komödie wurde" verwiesen.
"Banken - Warum der Stresstest zur Komödie wurde" in Marktzyniker vom 15. Juli 2010

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