Montag, 13. September 2010

Hypo Real Estate - Das schlägt ja wohl dem Fass den Boden aus

"Das schlägt ja wohl dem Fass den Boden aus" werden sich wohl viele gesagt haben, als bekannt wurde, dass die Hypo Real Estate Bank in der Nacht zum Sonnabend im Rahmen einer Telefonkonferenz eine weitere Garantie in Höhe von 40 Milliarden Euro bekommen hat.  Natürlich nur zur Abdeckung von Liquiditätslücken im laufenden Jahr und zur Absicherung der hochkomplexen Transaktion von Altlasten in die eigens für die HRE gegründete Bad Bank. Im Übrigen hatte die HRE noch am Donnerstag gemeldet, dass sie für 2011 mit Gewinnen rechne. Marktzyniker begründet, warum alle Rettungsmaßnahmen bezüglich der HRE auf Eis gelegt werden sollten.
Die von der Hypo Real Estate (HRE) am 21. Januar 2010 zum Zwecke ihrer eigenen Sanierung beantragte Bad_Bank
wurde am und mit Wirkung vom 8. Juli 2010 als Anstalt des öffentlichen Rechts unter dem Namen: "FMS-Wertmanagement" gegründet, zu diesem Zeitpunkt war geplant, dass die "FMS-Wertmanagement" zur "Restrukturierung" der HRE "nichtstrategienotwendige" Vermögenswerte und Risikopositionen in Höhe von bis zu 210 Milliarden Euro übernehmen sollte, die Übertragung sollte im zweiten Halbjahr 2010 erfolgen.  
Spiegel-Online drückt sich da klarer aus, in dem er diese Risikopositionen und Vermögenswerte als toxische und faule Papiere bezeichnet, welche im 2. Halbjahr 2010 auf eine Bad Bank übertragen werden sollen.
Wobei die "Übertragung" der "Schrottpapiere" auch nur eine Seite des Geschätfs beschreibt. Der Begriff Tausch wäre angebrachter. Die Übertragung von Papieren in eine Bad Bank bedeutet nichts weniger als das "toxische Papiere" gegen letztendlich vom Steuerzahler garantierte Anleihen getauscht werden. 
Nichtsdestotrotz dachte man, dass es nun endlich mal aufwärts geht mit der HRE, nachdem diese es noch im Sommer geschafft hatte, dadurch zu glänzen, als einziges deutsches "Institut" durch den Stresstest zu fallen,
"Banken auf dem Prüfstand Hypo Real Estate fällt beim Stresstest durch" von Miriam Schröder in Tagesspiegel-Online vom 24.7.2010
welcher wohl ohnehin wohl eher eine marktesoterische Vertrauens- und Stabilitätskomödie als ein ernsthafter Stresstest war.
vgl. "Banken - Warum der Stresstest zur Komödie wurde" in Marktzyniker vom 15. Juli 2010
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) relativierte den Durchfaller der HRE dann auch sofort: Die HRE sei ein Sonderfall, es müsse beachtet werden, dass "bereits eingeleitete Neustrukturierung beim Stresstest noch nicht berücksichtigt werden konnte".
"Stresstest Schäuble erfreut über gute Resultate der deutschen Banken" in Zeit-Online vom 23.7.2010
Obgleich die HRE nicht die im Stresstest geforderte Mindestkernkapitalquote von sechs Prozent erreicht habe, so habe sie mit ihren 4,7 Prozent immerhin noch eine Quote erreicht, welche internationalen Bilanzvorschriften erfülle, so Wolfgang Schäuble weiter.
"Banken auf dem Prüfstand Hypo Real Estate fällt beim Stresstest durch" von Miriam Schröder in Tagesspiegel-Online vom 24.7.2010 
Nun denn: Noch am letztem Mittwoch wurde gemeldet, dass die Interims-Vorstandsvorsitzende Manuela Better der HRE schon öffentlich davon träume im Jahr 2011 Gewinne zu machen:
"Bezüglich der Gewinnzone für 2011 denken wir schon intensiv nach, und ich bin zuversichtlich, dass wir sie erreichen werden"
so die Vorstandsvorsitzende auf einer Tagung namens:"Banken im Umbruch".
"Hypo Real Estate zuversichtlich für Gewinn im Kerngeschäft 2011" auf swissinfo.ch vom 8.9.2010
Dies sei keine definitive Einschätzung, diese wolle man erst Ende des Jahres abgeben, wenn die risikobehafteten Vermögensgegenstände in die Abwicklungsanstalt ausgelagert worden sind, so der Vorstand der HRE.
"Hypo Real Estate: Schon 2011 Gewinn im Kerngeschäft" in Süddeutsche Zeitung Newsticker vom 8.9.2010
Schon am Freitagabend war es mit den schönen Träumen zu Ende. Auf einer Telefonkonferenz beschloss der Lenkungsausschuss der Bundesanstalt für Finanzmarktstabilisierung (Soffin) den Garantierahmen um weitere 40 Milliarden Euro auf temporär bis Ende des Jahres auf 142 Milliarden aufzustocken.
"Pleite: Hypo Real Estate erhält erneut Milliardenspritze" in Der Westen vom 10.09.2010
Die Aufstockung erfolge vor dem Hintergrund der "Abspaltung nichtstrategischer" Geschäftsbereiche. Der Lenkungsausschuss des Soffin  habe den Beschluss gefasst, um vor und bei der geplanten Transaktion jegliche Liquiditätsengpässe auszuschließen.
Pressemitteilung der Soffin vom 10.8.2010: "Garantierahmen der HRE temporär um bis zu 40 Mrd. Euro aufgestockt"
Ähnlich technokratisch auch das Statement des Leiters des Leistungsausschusses des Soffin Hannes Rehm, diese Liquiditätsengpässe durch für die HRE ungünstige Zins- und Kreditmarktbedingungen, sowie durch unvorhersehbare Settlement- und Transferrisiken bei der "Befüllung" der "FMS - Wertmanagement", es seien umfangreiche Buchungsvorgänge erforderlich bei Geschäftspartnern in mehreren Ländern, deren Jurisdiktion berücksichtigt werden müssten, alles in Allem also:
„Dies ist ein hochkomplexer und mit Blick auf das zu transferierende Volumen wohl einmaliger Vorgang. Er erfordert eine große gemeinsame Kraftanstrengung, doch sein Gelingen bedeutet einen Meilenstein in der Restrukturierung der HRE“
Pressemitteilung der Soffin vom 10.8.2010: "Garantierahmen der HRE temporär um bis zu 40 Mrd. Euro aufgestockt"
Also ganz großes hochkomplexes Finanzmarkt-Kino, diese "Befüllung" der "FMS Wertmanagement" mit dem "nichtstrategischen" Geschäftsbereichen, aber auf das Wort "Befüllung" muss man in diesem Zusammenhang erstmal kommen. Glückwunsch Herr Rehm! Da fragt es sich schon, warum die Damen und Herren von der HRE nicht schon längst diese hochkomplexe Transaktion vorbereitet haben, waren die alle mit dem Archtitekturwettbewerb beschäftigt?
Siehe Bereich Presse der Homepage der HRE Meldung vom 13.8.2010
Oder haben die nur auf Banker-Tagungen rumgelungert und Gewinnzonen schwadroniert?
Interessant ist aber, warum der Herr Hannes Rehm des Soffin von einem "Meilenstein in der Restrukturierung" der HRE spricht, hatte doch die Interimsmanagerin der HRE Manuela Better noch ein paar Tage zu vor, öffentlich davon geträumt in 2011 in die Gewinnzone zu kommen? Aber gut: Soffin und HRE sind zwei verschiedene Häuser.
Nichtsdestotrotz fing die Gerüchteküche in der Presse sofort das brodeln an, da es sich hier meistens um Berichte handelt, die sich auf irgendwelche Kreise und Insider beziehen, möchte Marktzyniker diese nicht wiedergeben. Kreise, Zirkel oder Informanten sind für Marktzyniker grundsätzlich keine Quellen. Dennoch ist es etwas dreist gegenüber dem Steuerzahler, wenn die HRE durch ihre Pressesprecherin Nina Lux erklärt, dass sie die Gerüchte nicht kommentieren wolle.
"40 Milliarden Euro Staatsgarantien zusätzlich: HRE steht erneut vor der Pleite" von Hans-Martin Tillack in Stern-Online vom 10.9.2010
Marktzyniker meint: Da fragt man sich wirklich, wer hier eigentlich die "Bad Bank" ist? Die HRE oder der mit Steuergeldern mittels der Soffin garantierte Finanzmüllschlucker mit dem klangvollem Namen "FMS - Wertmanagement". Welcher Zyniker hat sich eigentlich diesen Namen ausgedacht? Und wie dreist ist es eigentlich nach knapp einem halbem Jahr offenbar nicht einmal die Transaktion der Schrottpapiere vorbereitet zu haben? Diese Ignoranz gegenüber dem Steuerzahler alleine schlägt schon dem Fass den Boden aus. Man hoffe, dass sich die Gerüchte der letzten Tage nicht noch bewahrheiten.
Nun denn: Noch sind die Papiere in den Bilanzen der HRE. Der Tausch dieser Papiere gegen vom Steuerzahler garantierte Anleihen sollte bis zur vollständigen Klärung der Angelegenheit zumindest gestoppt werden. Ja, Marktzyniker hört schon wieder die Einwände, dass dann die ganze Finanzwelt zusammenbricht, dass es zu einer Kreditklemme käme und so weiter und sofort.  Achja und die Unruhe an den "Märkten", warum eigentlich immer Ruhe an den Märkten? Es heisst doch immer, dass die Marktwirtschaft für Dynamik stehe, sollen sie sich doch zusammenreißen, die Damen und Herren "Anleger".
Aber was ist denn die Alternative? Immer mehr angeblich "alternativlose" Rettungspakete? Und überhaupt: In einer Demokratie gibt es immer Alternativen.
vgl. zu Alternativlosigkeit: "Tina Merkel - Bloss kein Tata vor der Wahl in NRW" in Marktzyniker vom 8.5.2010 
Soll der Staat und damit der Steuerzahler immer wieder den Ausfallbürgen für die Finanzwirtschaft spielen? Es fehlt nur eine Milliarde, dann erreicht der Umfang der Garantien alleine für die HRE den Umfang der Ausgaben für Soziales im Jahre 2010.
"Wer hat noch nicht - Wer will noch mal? 40 Milliarden für die HRE" von Jürgen Hoff auf Duckhome.de vom 11.9.2010
Und wessen Bankeinlagen werden da eigentlich gerettet? Siebzig Prozent der Bevölkerung teilten sich nur 9 Prozent des Geld- und Sachanlagevermögens in diesem unserem Lande, während ein Prozent der Bevölkerung annähernd über ein Viertel dieser Vermögen verfügt, bedenkt man weiter, dass 27 Prozent der Bevölkerung nach Saldierung sogar nur Schulden haben,
Mit Link auf die Studie: "Ein Prozent der Bevolkerung verfügen über annähernd ein Viertel des gesamten Vermögens" in Marktzyniker vom 10.9.2009
da kann es ja nicht allzu kostspielig sein, diese Einlagen und Versicherungen zu sichern,  wenn es dann zu Unruhen an den Märkten kommt, sofern man diese Sicherung auf beispielsweise 3 oder 5 Millionen Euro deckelt. Wäre sogar der Demokratie förderlich, wenn die Geld- und Sachkapital-Elite mal etwas rasiert wird, denn bei diesen Vermögensverhältnissen, darf auch mal gefragt werden, ob dies noch eine Demokratie ist. Wie kann es eigentlich in einer Demokratie möglich sein, dass mal eben am Freitagabend am Telefon und am Parlament vorbei 40 Milliarden Euro garantiert werden?
Man bedenke auch einen letzten, aber wichtigen Punkt: In der Finanzberichterstattung wird schon seit längerem darüber diskuttiert, dass es wegen der "Systemrelevanz" eine implizite Staatsgarantie gäbe. Der schweizer Ökonom Thomas Jordan, fordert mit Recht die Wiederherstellung marktwirtschaftlicher Verhältnisse und bringt die Problematik auf den Punkt:
"Das ist der wesentliche Lösungsansatz: Es geht um die Wiederherstellung marktwirtschaftlicher Verhältnisse. Wenn ein Institut davon ausgehen kann, dass es von der öffentlichen Hand gerettet werden muss, dann sind zentrale Prinzipien der Marktwirtschaft ausser Kraft gesetzt. Diese implizite Staatsgarantie muss gekappt werden, um die «Too big to fail»-Problematik zumindest zu entschärfen."
Absolut lesenswert: "Jeder Kanton muss sich fragen, ob eine Staatsgarantie korrekt ist" Interview geführt von Victor Weber und Alice Chalupny für die Sonntags Zeitung vom 29.8.2010

Abstrakt ausgedrückt: Da es niemand in der Politik auf einen Crash ankommen lassen will, können systemrelevante Banken, übermäßige Risiken eingehen und solange es gut geht, die Gewinne einstreichen. Geht es schief, können sie sicher sein, dass der Staat in der Angst vor einem angeblich kostspieligeren "Systemzusammenbruch" willig finanziell einspringt.
Die Abstraktion erfolgte anhand des Beispieles Griechenlands in "Banken können immer mehr Staatshilfen erpressen" von Frank Thewes in Focus-Online vom 25.2.2010  
Es ist wirklich an der Zeit nun der Finanzwirtschaft mal klare Kante zu zeigen. Es muss ja nicht gleich die gesamte HRE-Rettung abgeblasen werden, aber man könnte alle geplanten Aktionen auf Eis legen, bis alle diese hochkomplexen Transaktions- und Liquiditätsprobleme gelöst sind.  Sollen doch die Gläubiger der HRE und die Finanzwirtschaft den Laden retten, wenn ihnen die Klärung der Fragen zu lange dauert. Wenn die HRE wirklich derartig  systemrelevant ist, dann werden die Gläubiger sicherlich Wege finden, auch ohne Belastung des Steuerzahlers, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Und die Finanzwirtschaft sollte mal überhaupt darüber nachdenken, ob nicht auch der Staat seine Grenzen hat.
vgl. vertiefend "Banken - Der Staat garantiert - bis er selber zusammenbricht" in Marktzyniker vom 6.3.2010 
Denn wie es scheint, sind einige Banken dieser Welt zu groß, um sie zu retten. Es gäbe 30 Banken auf der Welt, welche in ihren Bilanzen Verbindlichkeiten  in einer Höhe hätten, welche die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts (BIP) des jeweilgen Heimatlandes überschritten.
Absolut lesenswert: "Finanzkrise: Etliche Banken sind zum Retten zu groß" von Olaf Storbek in Handelsblatt-Online vom 12.7.2010 
Muss es erst soweit kommen? 
Abschließend noch ein Hinweis auf eine interessante Grafik in der Basler Zeitung, welche mal die Dimensionen der Summen der Kosten der Bankenrettungen verdeutlicht.
"So viel kostet die Welt" von Alain Zucker, Elsbeth Keller, Micha Treuthard in BaslerZeitung vom 9.9.2010 
Bei diesen Dimensionen klingt es fast wie eine Lapalie, dass die systemrelevanten Banken, sich aufgrund der impliziten Staatsgarantie auch noch billiger finanzieren können, es sei noch mal Thomas Jordan zitiert:
"Es gibt tatsächlich einen Zusammenhang zwischen den exzessiven Boni und der «Too big to fail»-Problematik. Die Refinanzierungskosten von systemrelevanten Banken lagen unter den effektiven Marktpreisen. Mit höheren Eigenkapitalvorschriften und höheren Liquiditätsanforderungen werden darum auch überrissene Entschädigungen schwieriger."
"Jeder Kanton muss sich fragen, ob eine Staatsgarantie korrekt ist" Interview geführt von Victor Weber und Alice Chalupny für die Sonntags Zeitung vom 29.8.2010

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Schwarzgelb abgewählt werden muss.

1 Kommentar:

  1. Wer ist die Bad Bank? Alle die, welche nicht für diese kriminellen Machenschaften von Finanzindustrie, Politik, Beamtenadel verantwortlich sind, aber dafür zahlen dürfen. Verluste verstaatlichen und Gewinne privatisieren, hat noch nie so gut funktioniert wie heute.

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