Mittwoch, 8. September 2010

Sarrazin - Wehe den Dicken, Bankberatern, Arbeitslosen und auch Beamten

Haben die Sarrazin-Fans nur ein Kurzzeitgedächtnis oder sind die Sarrazinistas Opfer eines bizarren Masochismus dahingehend, dass sie unbedingt  für möglichst wenig Geld möglichst hart arbeiten wollen und dafür noch beleidigt werden wollen? Diese Frage kann Marktzyniker nicht beantworten, aber zumindest der Erinnerung auf die Sprünge helfen. Den Leser erwartet eine kritische Zusammenstellung der härtesten Zitate Sarrazins. Und natürlich wird auch die Meinung der Chefredakteurin Andrea Seibel von der "Welt" zu diesem Thema hinreichend gewürdigt.

Die Bevölkerung in diesem unserem Lande scheint irgendwie zu einem knappen Fünftel an kollektiven Gedächnisverlust zu leiden, wenn man lesen muss, dass achtzehn Prozent eine Thilo Sarrazin-Partei wählen würden, wenn es sie denn gäbe,
"Jeder fünfte Deutsche würde Sarrazin-Partei wählen" in Welt-Online vom 5.9.2010
beziehungsweise es sich zumindest vorstellen könnten.
Irgendwie fragt es sich da, ob diese achtzehn Prozent an einer Art Masochismus dahingehend leiden, dass sie für ihre Arbeit schlecht entlohnt werden wollen und falls sie verbeamtet sein sollten, sich auch gerne noch beschimpfen lassen wollen: 
„Die Beamten laufen bleich und übelriechend herum, weil die Arbeitsbelastung so hoch ist.“
Aber auch der Rest der lohnabhängigen Bevölkerung soll nach Thilo Sarrazins Meinung mal etwas bescheidener sein:
"Für fünf Euro würde ich jederzeit arbeiten gehen. Das wären 40 Euro pro Tag"
Von diesem grade zu fürstlichen Lohn von sage und schreibe 40 Euro soll der Arbeitnehmer natürlich auch noch die Anreise zum Arbeitsplatz selber tragen, ginge es nach Thilo Sarrazin:
"Ich meine, wir sollten es so handhaben wie es international üblich ist. Die Arbeit beginnt am Arbeitsplatz und der Weg dorthin ist Privatsache"
"Warme Tipps vom Finanzsenator Sarrazin empfiehlt dicken Pulli gegen hohe Heizkosten" in Spiegel-Online vom 29.7.2008
Die Begründung zu dieser These nutzt Thilo Sarrazin offenbar auch um pendelnde Eigenheimbesitzer  gegen Bewohner teurer Stadtwohnungen auszuspielen:
"Der Pendler, der außerhalb von München im Grünen wohnt, hat nicht annähernd so hohe Kosten durch das Pendeln, wie er Mietkosten in München hätte. Wer ist benachteiligt? Es gibt keinen Anlass, den Verbrauch von Energie steuerlich zu subventionieren"
"Warme Tipps vom Finanzsenator Sarrazin empfiehlt dicken Pulli gegen hohe Heizkosten" in Spiegel-Online vom 29.7.2008
Selbstverständlich ist Herrn Sarrazin auch der Kündigungsschutz ein Dorn im Auge beziehungsweise sieht Herr Sarazzin in ihm ein "Mentalitätsproblem":
"Die Wirtschaft braucht mehr Flexibilität. Wenn man sich informeller von Mitarbeitern trennen könnte, würde man sie auch informeller anstellen. Das geht tief an deutsche und österreichische Mentalitäten. Da stehen wir uns selbst im Weg."
Aber wehe dem der nach Überwindung dieses "Mentalitätsproblems" nicht ganz schnell eine "informelle" Anstellung bekommt, dann ist Zwangsdiät angesagt:
"Von den 128 Euro, die ein Hartz-IV-Empfänger im Monat für das Essen bekommt, kann man in der Tat ausgewogen und auskömmlich essen. Wenn man sich das anschaut, ist das kleinste Problem von Hartz-IV-Empfängern das Untergewicht."
Man könne sich mit 3,76 Euro am Tag "völlig gesund, wertstoffreich und vollständig ernähren" meint Thilo Sarrazin,
ohne natürlich das kleine praktische Problem zu erkennen, dass es bei Discountern kaum etwas einzeln zu kaufen gibt, neben dem Problem das Lebensmittel auch dem Verderb unterliegen. Der Reporter sei zwar sattgeworden, aber tagelang das gleiche Einerlei sei dann doch etwas eintönig gewesen und bestimmt nicht gesund, so das Ergebnis eines Selbstversuchs.
Aber was solls: Nach Thilo Sarrazins Ansicht ist die wirtschaftliche Bedeutung des Obst- und Gemüsehandels offenbar ohnehin nicht allzu bedeutend,
nur was rät Thilo Sarrazin nun den Türken und Arabern hinsichtlich ihrer Berufswahl? Nun ja der Beruf des Bankberaters wird es wohl nicht sein:
"Man muss den Leuten sagen: Glaube keinem Bankberater."
"Umstrittenes stern-Interview: Sarrazin verärgert Bundesbank" von Harald Schmidt in Stern-Online vom 13.5.2009
Marktzyniker rät zu einer breiten Aufstellung auf dem Arbeitsmarkt, so wie es Thilo Sarrazin vormacht, denn Sarrazin ist im Nebenjob offenbar auch noch Modeberater. Sarrazin hält etwa Jogginganzüge und bei den Damen Kopftücher für megaout.
"Thesen zur Einwanderung: Thilo Sarrazin wird zum Freak" von Lutz Kinkel auf Stern-Online vom 28.8.2010
Wobei bezweifelt werden darf, ob es für ein Nochmitglied des Vorstandes der Deutschen Bundesbank passend ist zu einem öffentlichen Termin wie ein ergrauter Volkswirtschaftsdauerstudent mit einem Rucksack zu erscheinen, wirkt nicht grade weltmännisch,
Mit Foto: "Debatte über Integration Die Rache heißt heute Sarrazin" Horst Denkler auf Süddeutsche Zeitung Online vom 6.9.2010
aber vielleicht kam Thilo Sarrazin, da grade von einem Volkshochschulkurs in Humangenetik. Zu den amateurhaften Anmerkungen zum Thema dumme und kluge Gene und ihrer Verteilung und Verbreitung wird Marktzyniker nichts schreiben, da Marktzyniker es in Biologie nur zu einer hart erkämpften 4+ geschafft hat und ihm es im Übrigen auch zu dämlich ist solchen Quatsch auch noch zu kommentieren, geschweige denn zu zitieren.
Der geneigte Leser sei hierfür durch eine kleine Analyse der Argumentationstruktur  des Mitgliedes  der Chefredaktion von der "Welt" Andrea Seibel entschädigt.  Irgendwie scheint Andrea Seibel alle halbe Jahre ihre Meinung über den kollektiven Charakter der Deutschen zu ändern. Neuerdings attestiert Andrea Seibel den Deutschen, dass sie ein kluges Volk seien, da die Deutschen zwar nicht Sarrazins genetische Meinung teilten, aber seine berechtigten "Denkanstösse" teilten.
Der regelmäßige Leser des Marktzynikers wird sich angesichts dieser Sprüche seine Augen reiben. War es doch genau Andrea Seibel, welche noch Anfang des Jahres der deutschen Öffentlichkeit einen beschämenden Jagdeifer auf "Wohlhabende" und Schwarzarbeit "ohne schlechtes Gewissen" vorwarf,
also um eine Form der Kriminalität, die sich wirklich nur "Wohlhabende überhaupt leisten können." Man kann Andrea Seibel nicht vorwerfen, dass sie etwas gegen Minderheiten hat, zumindest dann nicht wenn die Minderheiten "wohlhabend" sind. Und die wirklich "Wohlhabenden" sind in der Minderheit. Ein Prozent der Bevölkerung verfügt über fast ein Viertel des Gesamtvermögens in diesem unserem Lande.
Doch davon nun genug.  Abschließend sei noch angemerkt, dass Herr Thilo Sarrazin in der Schwarzarbeit das kleinere Übel sieht:
"Ehe jetzt einer im 20. Stock sitzt und den ganzen Tag nur fernsieht, bin ich schon fast erleichtert, wenn er ein bisschen schwarz arbeitet“
"Neuer Streich: Jetzt lobt Sarrazin Vorteile der Schwarzarbeit" in Welt-Online vom 27.2.2008 
Thilo Sarrazin ist zwar  auch der Meinung, dass Schwarzarbeit "empörend" sei -diese sei vor dem "lieben Gott und dem Finanzamt" zu verantworten- aber auch durch Schwarzarbeit könne etwa die Baumarktwirtschaft angekurbelt werden und auch der Schwarzarbeiter hätte bessere Laune, da er ja mal an die frische Luft gekommen sei: "Arbeit hat immer nur positive Seiten“.
"Neuer Streich: Jetzt lobt Sarrazin Vorteile der Schwarzarbeit" in Welt-Online vom 27.2.2008
Marktzyniker meint: Da eigentlich der ganze Artikel Meinung ist, man möge es Marktzyniker nachsehen, an dieser Stelle nur ein paar kleine Denkanstösse:
Man hefte sich gerne einen Aufkleber "Sarrazin hat doch Recht" an den eigenen PKW, es wird die Sicherheit im Straßenverkehr heben, wenn unüberlegt handelnde Zeitgenossen klar für andere Verkehrsteilnehmer erkennbar sind.
Jeder andere mit noch einem kleinen Rest von Verstand und gesundem Egoismus wird sich drei Fragen stellen, bevor er Sarrazin zustimmt:
1. Ist mein Job zu hundert Prozent sicher? Beamten sollten sich sicher sein, dass ihr Deo hält und sie immer mit gesunder Gesichtsfarbe zur Arbeit erscheinen :-)
2. Habe ich soviel Geld, dass ich eigentlich nicht berufstätig sein muss?
3. Gibt es nicht irgendeinen verzweifelten Hartzler, der meinen Job auch für 5 Euro oder weniger machen würde?
Kommt man zu dem Ergebnis, dass man nur eine Frage verneinen muss, dann stimme man Herrn Sarrazin besser nicht zu. Dies nur als kleiner Denkanstoss. Marktzyniker meint abschließend, dass Sarrazin-Fans einen beschränkten politischen Horizont haben.
UND DAS WIRD MAN JA WOHL NOCH SAGEN DÜRFEN! :-)




Kommentare:

  1. Während der Lektüre habe dauernd genickt!

    Der letzte Satz, daß Schwarzgelb abgewählt werden muß, ist aber überflüssig. Nicht daß ich nicht Brechreiz bekomme, aber Rotgrün war leider ebenfalls eine Katastrophe, oder der Anfang vom Ende. Hier fehlt noch jegliche Einsicht, in das, was sie verursacht haben.

    Wer gestern 8.9.2010 die Panoramasendung (NDR)gesehen hat:
    "Abzocker Maschmeyer: Liebling der Politik, Freund des Bundespräsidenten"

    bekommt nur bestätigt, wer das Land regiert. Es sind immer Ungewählte. Hier schmückt sich einer mit menschlichen Trophäen, feiert Feste, daß es nur so kracht und darf die Bevölkerung schädigen auf Teufel komm raus mit politischem Segen von allen Seiten. Ein Existenzvernichter als Vorzeige-Leistungsträger!

    So arbeiten alle Schneeballsystem-Entwickler.

    Leider haben wir bis auf seltene Ausnahmen eine Medienlandschaft, die gezielt Gehirnwäsche betreibt, damit die Mehrzahl ihren Henkern auch noch applaudiert und Haß auf die entwickelt, die auf die Absichten hinweisen.

    AntwortenLöschen
  2. Das dumme ist er glaubt was da da verdreht ...

    AntwortenLöschen
  3. Ich bin Hartz IV Empfängerin, also dumm: Aus diesem Grund verstehe ich die Äußerungen Sarazzins bzgl.Schwarzarbeit so: Wem der Regelsatz zum Sattwerden nicht reicht, der soll sich halt strafbar machen und einer Schwarzarbeit nachgehen.Während man bei dem sog. "Gesunden Ernähren", aufgrund der abgelaufenen Lebensmitteln bei den Tafeln, an Lebensmittelvergiftung erkrankt kann man nicht schwarzarbeiten. Soviel sei schon mal gesagt.Das dadurch potenzielle Arbeitsplätze verloren gehen scheint ihn auch nicht besonders zu interessieren. Aus diesem Grund werde ich sofort eine Bewerbung als nicht angemeldete, d.h. schwarzarbeitende Haushaltshilfe an Herrn Sarazin senden.

    AntwortenLöschen
  4. Hi zweite Kommentatorin, ich denke es ist eher so, dass Sarrazin sich einfach bei den Wohlhabenden anbiedern möchte, was diesen grade Recht kommt, denn die haben ein Interesse an möglichst viel Zwietracht in der Bevölkerung. Achso! "Wohlhabend" sind für mich die Leute, welche zum reichsten Prozent der Bevökerung gehören.
    Bevor Dich Sarrazin anzeigt, lass es mit Bewerbung als Reinigungskraft, schliess dich lieber den vielen Aktionen an, die jetzt laufen.
    Schönen Tag
    Andreas

    AntwortenLöschen
  5. Hi Andreas,
    natürlich war das mit der Bewerbung bei Sarrazzin nicht ganz Ernst gemeint. Ich denke das der Staat den Bürger zum Einzelgänger machen möchte, da dieser leichter zu kontrollieren ist. Er hat durch seine Politik schon ziemlich gute Arbeit geleistet, denn mittlerweile geht durch die Mithilfe der Medien jeder auf jeden los.Familien brechen auseinander, oder werden gar nicht erst gegründet. Und wenn wir uns mal so umschauen, dann geht doch bald in ganz Europa das Licht aus. Sieht fast so aus, als hätten die wirklich keine Kohle mehr.....aber nur fast.

    AntwortenLöschen