Dienstag, 1. November 2011

Volksabstimmung - "Anleger" in Panik wegen Credit Default Swaps (CDS) ?

Alles schien so schön in Sachen Griechenland für "Anleger" und "Investoren. Doch heute morgen platzte -wie eine Bombe- die Nachricht an die Börsen, dass Präsident Papandreou nunmehr das Volk in Griechenland über die Sparmaßnahmen abstimmen lassen will. Finanz-"Werte" gerieten unter Druck und die Kurse gingen nach unten. Rührt diese Panik der Finanzmarktakteure aus der üblichen Demokratieaversion der "Anleger" oder liegt die Ursache mal wieder in den Credit Default Swaps ?
Optimismus machte sich bei den Bankern letzte Woche breit, alles schien geregelt in Griechenland. Die Banken verzichten auf die Hälfte ihrer Forderungen gegen Griechenland und im Gegenzug haftet der Steuerzahler via der Europäische Finanzmarktstabilisierungsfazilität (EFSF).
Und nun das: Gestern verkündete der Präsident Giorgos Andrea Papandreou, dass er im Wege einer Volksabstimmung das griechische Volk über die Annahme der Beschlüsse des EU-Gipfels in Brüssel befragen wollte.
"Papandreou will Volk über Rettungspaket abstimmen lassen" in Spiegel-Online vom 31.10.2011
Die Reaktion der "Märkte" erfolgte am heutigen Vormittag. Insbesondere Titel von Banken verloren bis zu 10 Prozent,
"Griechenland plant Referendum - Europa zwischen Schock und Ratlosigkeit" in tagesschau-online vom 1.11.2011
wohl auch deswegen, dass in diesem Fall mit einem -zumindest mittelfristig- mit einem offiziellen Staatsbankrott Griechenlands zu rechnen wäre.
"Szenarien für einen griechischen Staatsbankrott" von Anna Sleegers in Frankfurter Rundschau vom 1.11.2011 
Doch was wäre an einem Staatsbankrott so dramatisch? Die Journalisten Daniel Eckert und Holger Zschäpitz sehen in diesem Fall schon eine "globale Finanzschmelze" entstehen, die Ähnlichkeiten mit Lehman habe und diesmal noch schlimmer sein würde. 
"Referendum in Griechenland - Papandreou riskiert eine globale Finanzschmelze" von Daniel Eckert und Holger Zschäpitz in Welt-Online vom 1.11.2011 
Was immer auch mit einer "Finanzschmelze" gemeint ist, kann Marktzyniker auch nicht sagen und leider hört der eben genannte Artikel auch genau an dieser Stelle auf.
Etwas klarer drückt sich Joern Spillmann in der Baseler Zeitung aus. Er weißt daraufhin, dass mit einem Staatsbankrott in Griechenland auch die Credit_Default_Swaps (CDS) ausgelöst werden würden. Dies würde zu unabsehbaren Folgen für die Märkte führen, weil keiner weiß, wer bei wem was "abgesichert" hat.
In der Tat: Ein "offizieller" Staatsbankrott würde die CDS auf griechische Anleihen fällig stellen.
Credit Default Swaps stellen vordergründig betrachtet  (mehr dazu unten) eine Art Kreditversicherung dar. Der Sicherungsgeber eines CDS-Geschäftes verspricht die Auszahlung einer bestimmten Summe, wenn ein "Kreditereignis" eintritt. Im Gegenzug zahlt der Sicherungsnehmer dem Sicherungsgeber eine Prämie.
Unstrittig ist, dass ein Zahlungsausfall des Schuldners ein solches Kreditereignis darstellt. 
Bezüglich des momentanen freiwilligen Verzichtes ist es jedoch höchst streitig, ob dieser mit "freiwilligem Zwang" herbeigeführte Forderungsverzicht der Banken gegenüber Griechenland nicht auch ein Kreditereignis darstellt. Im Moment stellen sich die Sicherungsgeber auf dem Standpunkt, dass es freiwillig sei, wohingegen die Ratingagenturen meinen der Verzicht sei unfreiwillig.
Nun gut dieser "akademische" Streit braucht im Falle einer tatsächlichen Zahlungseinstellung nicht mehr geführt werden und soll auch hier nicht weiter erörtert werden, denn ein Zahlungsausfall Griechenlands wäre ein "Kreditereignis aller erster Güte",
"Szenarien für einen griechischen Staatsbankrott" von Anna Sleegers in Frankfurter Rundschau vom 1.11.2011 
da gäbs dann nichts mehr zu "deuteln".
Als fatal kann sich dann erweisen, dass - im Gegensatz zu einer normalen Kreditversicherung - der Sicherungsnehmer gar nicht der Gläubiger der "abgesicherten" Forderung sein muss. Die Auszahlung der "Versicherungssumme" ist unabhängig davon, ob man durch den Zahlungsausfall des Schuldner einen Schaden erlitten hat oder nicht. Bildlich gesprochen: Ein CDS ist wie eine Brandversicherung auf das Haus des (ungeliebten) Nachbarn.
Wenn jemand einen CDS-Vertrag schließt, ohne Inhaber einer Forderung gegen den Schuldner zu haben, so spricht man von einem "Naked CDS"
"Der Januskopf der CDS - Verschärfte Debatte um die Zukunft des Kreditausfallsversicherung" in Neue Zürcher Zeitung Online vom 16.11.2009
Diese nackigen CDS sind eher die Regel als die Ausnahme. So zitiert das Handelsblatt Dorothea Schäfer vom DIW:
„Die Ausfallversicherungen haben nichts damit zu tun, ob man sich tatsächlich absichern will. Ein großer Teil des Marktes dient rein zu Spekulationszwecken“
"CDS-Zockerpapiere - Versicherung ohne jede Sicherheit" von Jan Mallien, Jörg Hackhausen und Hannes Vogel in Handelsblatt-Online vom 28.10.2011  
Abgesehen davon, dass sich vor zwei Jahren us-amerikanische Konkursrichter darüber gewundert haben, dass Hedgefonds immer auf einen Konkurs bestanden haben, was eigentlich wirtschaftlich unsinnig ist, es sei denn man hat nackige CDS,
"Der Januskopf der CDS - Verschärfte Debatte um die Zukunft des Kreditausfallsversicherung" in Neue Zürcher Zeitung Online vom 16.11.2009
führt dies zu weiteren interessanten Effekten.
Da man auch Risiken absichern kann, die man selber nicht trägt, kann eine Forderung auch mit mehreren CDS "abgedeckt sein. Zwar kennt keiner genaue Zahlen, aber im Fall Griechenland wird angenommen, dass das Handelsvolumen der CDS zwanzig mal so hoch ist, wie die tatsächlich abgesicherten Forderungen.
"Der große Scherbenhaufen bei den Banken" in Kurier vom 21.10.2011
Nun kann man einwenden, dass es sich hierbei nur um eine "Brutto"-Summe handeln würde, weil wohl auch die Sicherungsgeber von CDS sich ihrerseits gegen den Ausfall ihres Schuldners mit CDS absichern und
vgl. "Warum Gläubiger freiwillig verzichten sollen" in NZZ-Online vom 28.10.2011
somit die Geschäfte angeblich vielfach gegeneinander aufrechenbar seien, sogar zwischen den Abteilungen der gleichen Bank.
Auch sehr skeptisch: "Risiko Ausfallversicherungen -Die unbekannte Gefahr für Banken" von Jörg Hackhausen in Handelsblatt Online vom 17.10.2011
Bedenkt man weiter, dass auch auf die Verbindlichkeiten von Banken wiederum CDS-Geschäfte abgeschlossen sind,
"Risiko Ausfallversicherungen -Die unbekannte Gefahr für Banken" von Jörg Hackhausen in Handelsblatt Online vom 17.10.2011
so entsteht für die Banken eine Situation, dass sie gleichzeitig Sicherungsnehmer und Sicherungsgeber für eine Vielzahl von CDS-Geschäften sind. Dies alleine führt noch nicht zu systemischen Risiken, solange jeder Teilnehmer aufrechnen oder zahlen kann. Nur was ist, wenn eine Partei dieser CDS-Geschäfte selbst zahlungsunfähig wird?
Das fragt auch Jörg Hackhausen "Risiko Ausfallversicherungen -Die unbekannte Gefahr für Banken" in Handelsblatt Online vom 17.10.2011
Bedenkt man weiter dass die Hauptakteuere des CDS-Marktes -sowohl als Sicherungsnehmer als auch als Sicherungsgeber- fünf große Banken sind, so kann auch nur der Ausfall einer dieser Banken zu massiven Verwerfungen führen, wie der Fall Lehmann 2008 -die damals noch auf dem CDS-Markt mitspielte - zeigt: Damals traute auch keine Bank mehr der anderen, weil niemand wusste, wie der andere über CDS mit Lehman verbunden ist.
so wohl auch "Warum Gläubiger freiwillig verzichten sollen" in NZZ-Online vom 28.10.2011
Marktzyniker meint: Credit default swaps gehören verboten, weil sie praktisch eine Art Einladung zum "legalem" Versicherungsbetrug darstellen, sofern es sich um "naked CDS" handelt.
vgl. mit weiteren Nachweisen: "Credit Default Swaps - Ein-gefährliches Instrument,was nur Spekulanten nützt" in Marktzyniker vom 19.11.2009
CDS taugen auch nicht, als Maßstab zur Beurteilung der Solvenz eines Schuldners. Dass man an den Kursen zu denen CDS auf die "Meinung des Marktes" über die Zahlungsunfähigkeit eines Schuldners ablesen könne, ist Unsinn und gehört vielleicht in den Bereich der Marktesoterik. Denn grade im Fall Griechenland hat sich gezeigt, dass die Kurse der CDS immer erst nach negativen Nachrichten stiegen und sie damit eher ein nachlaufender Faktor sind.
vgl. "Credit default swaps Teil II - Ein gefährliches Instrument, was nur Spekulanten nützt Teil II" in Marktzyniker vom 15. März 2010
Weiterhin verfälschen auch die Interessen der Händler die mit spekulativen Absichten CDS kaufen, ohne ein Sicherungsinteresse zu haben, das "Ergebnis". Wer ohne Sicherungsbedürfnis einen CDS kauft will entweder an der Pleite des Schuldners verdienen oder
vgl. mit weiteren Nachweisen: "Credit Default Swaps - Ein-gefährliches Instrument,was nur Spekulanten nützt" in Marktzyniker vom 19.11.2009
den CDS zumindest zu einen höheren Preis weiterverkaufen. Der Spekulant wird alles daran setzen, die Kurse der CDS dadurch in die Höhe zu treiben, indem er den Haltern der Anleihen ordentlich Angst macht. Dies führte im Fall Griechenland dazu, dass die CDS - Kurse die Kurse der Anleihen bestimmten, wo es doch eigentlich andersherum sein müsste.
"Wie die Zauberlehrlinge" von Torsten Rieke in Handelsblatt Global Investors vom 3.3.2010
Entgegen Torsten Rieke, der ein partielles Verbot von "naked CDS" fordert, weil sie ein sinnvolles Instrument zur Absicherung von Staatsanleihen darstellen würden, auf das die Banken angewiesen seien,
"Wie die Zauberlehrlinge" von Torsten Rieke in Handelsblatt Global Investors vom 3.3.2010
fordert Marktzyniker ein absolutes Verbot von CDS. Staatsanleihen gibt es seit Ewigkeiten, CDS allerdings erst seit ca. 1990,
"Griechenland-Beschlüsse - Auf Spekulanten gezielt, Europa getroffen" von Heike Buchter in Zeit-Online vom 28.10.2011
es fragt sich daher, wie haben denn früher "Anleger" ihre Staatsanleihen abgesichert?
Abschließend sei noch mal ein Rückgriff auf den momentanen Streit um die "Freiwilligkeit" des Schuldenerlasses gegenüber Griechenland genommen. Der Leser erinnere sich an den Sommer diesen Jahres als das Wort "Staatspleite" nie ausgesprochen werden durfte. Offenbar deswegen, weil alle Angst hatten, dass bei Aussprache dieses Wortes von offizieller Seite wohl ein Kreditereignis herbeigeredet würde.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Schwarzgelb abgewählt werden muss.

Kurz URL für Twitter: http://tinyurl.com/66wdys9

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